Donnerstag, 11. Oktober 2007

Espalion - Cahors 4. Oktober - 10. Oktober 2007


















































Viel ist passiert seit dem letzten Eintrag...
In Espalion war ich total k.O. Ich hatte die ganze Etappe zu wenig getrunken und auch fast nichts gegessen. Eigentlich wollten wir weiter bis nach Estaing. Das wäre aber unmöglich gewesen, wie sich am Folgetag herausstellen würde. Das Hoch und runter nach Estaing war äusserst Kraftraubend. Ich war froh, im schönen kleinen Städtchen anzukommen! Am Nachmittag durften wir die schöne Gegend geniessen. Ziel war Espayrac...
Beinahe hätten wir es nicht geschafft. Ingrid hatte immer mehr Mühe, die Berge bzw. die Anstiege zu meistern. Plötzlich bleibt sie stehen. Sie bekommt keine Luft mehr. Ich schimpfe mit ihr, hat sie doch viel zu wenig gegessen. Nein, sie hat gar nichts gegessen, nur einen Tee getrunken. Zuwenig um eine Etappe von über 30km zu meistern! Ich nehme auch ihren Rucksack, sodass ich noch dicker ausschaute als sonst schon. Nur diesmal fand ich es angenehm. Schliesslich wusste ich warum ich so dick ausschaute. Ich versuchte mich als Kavalier oder Held oder ein bisschen von beidem. Nicht mal einen Kilometer später brach Ingrid zusammen. Habe noch nie jemanden so die Augen verdrehen sehen. Die Zeit bis ich die beiden Rucksäcke unten hatte erschien mir eine Ewigkeit. Dann sofort der Griff zur Colaflasche. Ingrid hasst Cola im Gegenteil zu mir. So musste ich sie richtig dazu zwingen. Reichlich Schokolade und ein Aspirin machten den Rest. Wir schafften es bis Espayrac! Ich hatte richtige Angst! Was wäre passiert, wenn ich nicht so gehandelt hätte, fragte ich mich den ganzen Abend. Ich fühlte mich nicht mal als Held, sondern eher schuldig, dass ich nicht mehr tun bzw. diese Situation verhindern konnte.

Am nächsten Tag beschlossen wir eine kleine Etappe nach Conques zu machen. Die einzig richtige Entscheidung! Es regnete und wir kamen fast nicht weiter. Kein Wunder ich hatte alle Hände voll zu tun beim Kastanien sammeln. Bei den vielen Kastanien hätte ich die nächsten 3 Jahre als Marroniverkäufer überleben können.
Conques ist ein schönes Dorf. Leider total auf Tourismus ausgerichtet...
Zuerst hatten wir geplant im Gîte der Abbaye zu übernachten. (Fragt mich nicht was genau eine Abbaye ist... Muss was zwischen Dom und Kloster sein.... Nicht? ) Dann sahen wir aber unsere Pilgerkollegen ins Gîte Communal gehen und beschlossen zu wechseln. Es war nicht gerade die bessere Unterkunft. Die Duschen und Toiletten waren im Nebengebäude genau wie die Küche. Das ganze war auch ziemlich rustikal, aber an das haben wir uns schon lange gewöhnt.
An diesem Abend habe ich mich sehr über Ingrid aufgeregt. Ich hatte mich so gut um sie gekümmert und wurde als Dank vor den anderen Pilgern blossgestellt. Wir hatten picknick um 17 Uhr und hatten alle Desserts für später aufgehoben. Ich hätte gerne noch was zu essen gekauft; sie war aber satt! Da sass ich nun da mit Mars, Waffeln und anderen Zuckerwaren am Tisch. Peter und zwei Franzosen liessen sich einen Salat mit Tomaten und Kastanien schmecken. Da wechselt Ingrid plötzlich zu ihnen an den anderen Tisch. Hmmm, wie gut alles sei... Da sass ich wie Trottel da und muss mir von Beatrice anhören wie schlecht "mein" Essen sei und dass sie sich nicht wundere das die arme Ingrid so bleich und schwach sei! Ingrid ass weiter und ich ging schlafen ohne mich zu rechtfertigen. Hatte keine Lust die ganze Story zu erzählen. Dafür war der Angriff einfach zu plump!
Am selben Abend konfrontiere ich sie mit der Geschichte und da erfahre ich, dass sie unter Bulemie leidet und zwischen den zwei Mahlzeiten kotzen musste. Im nächsten Moment fühlte ich mich schuldig und beschloss ihr über die restlichen Berge zu helfen.

Am nächsten Tag ist es soweit. Wir müssen aus dem Tal von Conques wieder in die Berge hinauf. Für die ersten 3km brauchen wir 3 Stunden. Ich beschliesse, dass jedes rot-weisse Wanderzeichen ein Zwangstopp für Ingrid ist. Ich hatte Angst, dass sie den steilen Anstieg überhaupt nicht schafft...
Der Tag wird besser und endet mit dem schönsten Gîte bislang auf dem Weg. "Les volets bleus" wird von Nanja betreut. Eine charmante und gutaussehende Holländerin, die mir im Verlaufe des Abends erzählt, wie sehr sie in Spanien verliebt ist. Meine Welt ist wieder in Ordnung!

Auf dem Weg nach Figeac gibt es noch einige Steigungen. Jeder von uns würde sie lachend übersehen. Für Ingrid ist aber jeder Berg ein Mount Everest. Sie hat Kreislaufprobleme und die am Vortag gekauften Medikamente schlagen nur langsam an.
Endlich dann Figeac! D.h. McDonalds und Stadtbesichtigung! Die Franzosen würden dies wohl als Miam-miam-dodo-Abend bezeichnen!

Jetzt sind wir immernoch zusammen auch nach 3 weiteren Tagen. Langsam wird es Zeit sich zu verabschieden. Wir haben nichts mehr dem anderen zu geben. So ist es auf dem Weg und jeder ist sich dessen bewusst. Schade, dass wir uns im Nicht-Pilger-Leben jeweils so schwer tun dies zu akzeptieren.

"Akzeptieren" und "Weitergehen" scheinen zwei Hauptwörter auf dem Weg zu sein. Vielleicht auch die Wörter, auf die ich bei meiner Rückkehr mehr achten sollte.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

wie dein bericht zeigt, bist du tatsächlich in frankreich (und doch nicht in belgien :-) bist jetzt hast du je einiges erlebt. wünsche dir gutes weiterpilgern!
grüessli
vali
ps: der dorfname "le chier" ist ja cool :-)